Lernplan für die Klausurenphase: in 60 Minuten aufgestellt
Die Klausurenphase läuft bei den meisten nach demselben Muster ab. Drei Wochen vorher fasst man den Vorsatz, ab morgen richtig anzufangen. Zwei Wochen vorher hat man den Stoff des Fachs sortiert, das man ohnehin mag. Und vier Tage vorher stellt man fest, dass eine Klausur 9 ECTS wert ist und man deren Skript noch nie geöffnet hat.
Das Problem ist selten Faulheit. Es ist fehlende Reihenfolge. Ein Lernplan ist im Kern nichts anderes als eine getroffene Entscheidung darüber, welche Stunden welchem Fach gehören, und diese Entscheidung trifft man besser einmal in Ruhe als jeden Morgen neu.
Schritt 1: Alle Termine in eine Tabelle
Öffne das Vorlesungsverzeichnis, die Modulhandbücher und dein Prüfungsportal und trage für jede Klausur ein: Datum, Uhrzeit, Ort, Dauer, Prüfungsform, ECTS und den Anmeldezeitraum. Nicht aus dem Gedächtnis. Der Klausurplan weicht fast immer von dem ab, was man im Kopf hat.
| Fach | Termin | ECTS | Form | Priorität |
|---|---|---|---|---|
| Statistik II | 08.02., 09:00 | 9 | Rechnen, 90 Min. | Hoch |
| BWL Grundlagen | 11.02., 14:00 | 6 | MC plus offen | Mittel |
| Wirtschaftsrecht | 18.02., 10:00 | 5 | Fälle, 120 Min. | Mittel |
| Seminar | Abgabe 01.03. | 5 | Hausarbeit | Später |
Zwei Dinge fallen dabei meistens sofort auf. Ein Fach trägt deutlich mehr zur Note bei, als die Aufregung darüber vermuten lässt. Und zwischen zwei Klausuren liegen manchmal nur drei Tage, was bedeutet, dass die zweite bereits vorher gelernt sein muss.
Prüfe außerdem die Fristen für An- und Abmeldung, ob es sich um einen Erst- oder Zweitversuch handelt und ob ein Freiversuch möglich ist. Diese Informationen ändern die Priorität ganzer Fächer und sind zwei Wochen später nicht mehr zu ändern.
Schritt 2: Den Stoff ehrlich schätzen
Zähle pro Fach, was tatsächlich vorliegt: Anzahl der Vorlesungen, Seiten im Skript, Übungsblätter, Kapitel im Lehrbuch. Dann schätze, wie lange eine Einheit realistisch dauert, und multipliziere.
Das Ergebnis ist fast immer zu groß für die verfügbare Zeit, und genau das ist die nützliche Information. Wenn 180 Stunden Stoff auf 90 verfügbare Stunden treffen, ist die Frage nicht mehr, wie du schneller lernst, sondern was du bewusst weglässt. Diese Entscheidung jetzt zu treffen ist deutlich angenehmer, als sie in der letzten Nacht unbewusst zu treffen.
Schreibe pro Fach außerdem einen ehrlichen Satz darüber, was du noch nicht kannst. "Ich kann Hypothesentests nicht ohne Formelsammlung rechnen" ist brauchbar. "Statistik nochmal anschauen" ist ein Satz von jemandem, der Statistik vermeidet.
Schritt 3: Rückwärts planen, nicht vorwärts
Der häufigste Planungsfehler ist, ab heute vorwärts zu planen und zu hoffen, dass es reicht. Setze stattdessen die Klausurtermine in den Kalender und arbeite von dort rückwärts.
Für jedes Fach gilt eine grobe Aufteilung: etwa die Hälfte der Zeit für das erste Durcharbeiten, ein Drittel für Altklausuren und Übungen, der Rest für Wiederholung in den letzten Tagen. Das Fach, dessen Klausur zuerst geschrieben wird, muss auch zuerst fertig sein, nicht das Fach, das dir am meisten Sorgen macht.
| Woche | Vormittag | Nachmittag | Abend |
|---|---|---|---|
| Woche 5 | Statistik: Kapitel 1 bis 4 | BWL: Vorlesung 1 bis 6 | frei |
| Woche 4 | Statistik: Kapitel 5 bis 8 | Recht: Fallsystematik | Karteikarten, 30 Min. |
| Woche 3 | Statistik: Altklausur 1 | BWL: Zusammenfassung | frei |
| Woche 2 | Statistik: Altklausuren 2 und 3 | Recht: Fälle üben | Puffer |
| Woche 1 | Statistik: Lücken schließen | BWL: Altklausur | früh schlafen |
Schritt 4: Lernblöcke, die tatsächlich etwas bewirken
Skript lesen erzeugt ein angenehmes Gefühl von Kompetenz und erstaunlich wenig Abrufbarkeit. Jeder Block sollte einen Teil enthalten, in dem du etwas ohne Vorlage produzierst: eine Aufgabe rechnen, eine Definition aus dem Kopf aufschreiben, einen Fall lösen, ein Konzept laut erklären.
Ein funktionierender Block sieht ungefähr so aus. Zehn Minuten aus dem Gedächtnis wiederholen, was beim letzten Mal dran war. Fünfzig Minuten neuer Stoff oder Übungsaufgaben. Fünfzehn Minuten Fehler durchgehen und aufschreiben, warum sie passiert sind. Fünf Minuten notieren, womit die nächste Einheit beginnt.
Zwei Blöcke von je 90 Minuten mit einer echten Pause dazwischen bringen mehr als ein fünfstündiger Marathon, der ab Minute 80 aus Textmarker und Nebenbeschäftigung besteht.
Die meisten heben Altklausuren bis zum Schluss auf, "wenn ich alles gelernt habe". Damit sind sie kein Diagnosewerkzeug mehr, sondern eine Bewertung. Rechne die erste Altklausur früh, ohne Unterlagen, und werte sie ehrlich aus. Danach weißt du genau, wohin die restlichen Stunden gehören. Die Fachschaft hat die Sammlung meistens.
Schritt 5: Puffer sind Teil des Plans
Ein Plan ohne Puffer ist eine Wunschliste mit Uhrzeiten. Krankheit, ein Kapitel das doppelt so lange dauert wie geschätzt, ein Übungsblatt das nicht aufgeht: all das passiert in jeder Klausurenphase, und ein Plan der es nicht vorsieht bricht beim ersten Kontakt mit der Realität zusammen.
Halte pro Woche einen halben Tag komplett frei und lass jeden Tag einen Block leer. Wenn ein Block überzieht, triff eine bewusste Entscheidung: Puffer nutzen, einen niedrig priorisierten Block kürzen oder die Aufgabe kleiner schneiden. Alles nach hinten zu schieben ist keine Entscheidung, sondern der Mechanismus, durch den aus Mittagessen Mitternacht wird.
Und wenn dieselbe Aufgabe zweimal überzieht, ist nicht deine Disziplin das Problem, sondern die Schätzung. Bei unbekanntem Stoff kannst du die geschätzte Zeit grob mit 1,5 multiplizieren.
Wenn du schon zu spät dran bist
Manchmal ist die ehrliche Lage: noch zehn Tage, vier Klausuren, zwei Skripte ungeöffnet. Dann ist der Fünf-Schritte-Plan nicht die richtige Antwort.
Mach stattdessen heute drei Dinge. Sortiere die Klausuren nach ECTS und Termin und gib der obersten die nächsten drei Blöcke. Rechne eine Altklausur des wichtigsten Fachs, um zu sehen, was tatsächlich gefragt wird, statt alles gleichmäßig zu lernen. Und prüfe die Abmeldefrist: eine Klausur bewusst zu schieben, um drei andere zu retten, ist eine Strategie und keine Niederlage.
Bei Krankheit brauchst du in der Regel ein Attest innerhalb einer festgelegten Frist, oft drei Tage. Die Regeln stehen in deiner Prüfungsordnung und unterscheiden sich zwischen Hochschulen deutlich genug, dass die Auskunft einer Kommilitonin nicht ausreicht.
Kurzfassung
- Alle Termine, Formen, ECTS und Fristen in eine Tabelle, aus der Quelle und nicht aus dem Kopf.
- Stoffmenge schätzen und bewusst entscheiden, was wegfällt.
- Rückwärts ab dem ersten Klausurtermin planen.
- Jeder Block hat ein konkretes Ziel, nicht nur ein Fach.
- In jedem Block etwas aus dem Kopf produzieren.
- Erste Altklausur früh und ohne Unterlagen.
- Ein leerer Block pro Tag, ein halber freier Tag pro Woche.
- Feste Uhrzeit, ab der am Vorabend nichts Neues mehr gelernt wird.
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